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  2. <html>
  3. <head>
  4. <title>FSF Europe - Freie Software in der Bundesregierung - Offener Brief an Dr. Uwe Küster</title>
  5. </head>
  6. <body>
  7. <center>
  8. <h1>&quot;Freie Software in der Bundesregierung&quot;</h1>
  9. </center>
  10. <h3>Offener Brief an den Bundestagsabgeordneten und Mitglied des
  11. Ältestenrates, Dr. Uwe Küster <br /> von Georg Greve, Präsident der FSF
  12. Europe.</h3>
  13. <p>Sehr geehrter Herr Dr.Küster,</p>
  14. <p>seit einiger Zeit verfolge ich mit großem Interesse die Debatte um
  15. einen möglichen Umstieg des Deutschen Bundestags auf das GNU/Linux<a
  16. NAME="ref1" HREF="#fn1"><sup>1</sup></a> System und habe in diesem
  17. Zusammenhang die Stellungnahme von Herrn Kelber sowie die Erwiderung
  18. des LIVE-Vorstandsmitgliedes Daniel Riek, gelesen.</p>
  19. <p>Ich gehe damit konform, daß emotionale und ideologische Fragen nicht
  20. zur Grundlage einer solchen Entscheidung gemacht werden dürfen,
  21. vielmehr müssen funktionelle und sicherheitsrelevante Aspekte
  22. Beachtung finden.<br />
  23. Gerade deshalb darf die Debatte nicht auf die Frage
  24. &quot;Windows oder GNU/Linux&quot; verkürzt werden. Vor der
  25. Entscheidung über das spezifische System steht eine grundsätzliche
  26. Frage, deren politische Dimension weit über die Informationssicherheit
  27. und auch über die von Daniel Riek angesprochenen
  28. wettbewerbspolitischen Aspekte hinausgeht. Diese Grundsatzfrage muß
  29. ebenfalls unbelastet durch emotionale, ideologische oder gar
  30. polemische Beiträge beantwortet werden.</p>
  31. <p>Die Informationstechnologie und die Software, auf der sie beruht,
  32. gewinnt zunehmend Bedeutung und ist bereits heute unverzichtbar. Durch
  33. ihre Omnipräsenz entscheidet der Zugang zur Software in wachsendem
  34. Maße über unsere Fähigkeit, am gesellschaftlichen und politischen
  35. Leben teilzunehmen, Wissen auszutauschen, zu kommunizieren. Sie
  36. determiniert unsere berufliche Zukunft und gibt vor, in welchem Rahmen
  37. wir das in der Europäischen Grundrechte Charta verankerte Recht auf
  38. Meinungs- und Informationsfreiheit wahrnehmen können.</p>
  39. <p>Der Beschluß des Deutschen Bundestages über die Förderung Freier
  40. Software in der Bundesverwaltung ist Ihnen sicherlich bekannt.<a NAME="ref2" HREF="#fn2"><sup>2</sup></a>
  41. Er hebt sich insofern positiv von der Masse ab, als die Freiheit
  42. bereits eine Rolle in der Definition Freier Software spielt,
  43. beschränkt sich das Bewußtsein für Freie Software doch zumeist auf die
  44. Erkenntnis, daß verfügbare Quellen einen sicherheitstechnischen
  45. Vorteil bringen.</p>
  46. <p>Dabei wird vernachlässigt, daß Freie Software neben den bekannten
  47. Vorteilen auch gerade die Grundrechte auf Meinungs- und
  48. Informationsfreiheit wahrt. Freie Software definiert sich über die
  49. Freiheit,
  50. <ul>
  51. <li>Software unbegrenzt und für jeden Zweck verwenden zu dürfen.</li>
  52. <li>untersuchen zu dürfen, wie eine Software funktioniert und sie
  53. den eigenen Bedürfnissen anpassen zu dürfen. Zugang zum Quelltext
  54. ist dafür eine Voraussetzung. </li>
  55. <li>Software kopieren und an Andere weiter geben zu dürfen.</li>
  56. <li>Software zu verbessern und die Verbesserungen allen zum
  57. allgemeinen Wohl zugänglich machen zu dürfen. Zugang zum Quelltext
  58. ist dafür eine Voraussetzung. </li>
  59. </ul>
  60. Somit gewährt Freie Software Freiheiten, die in unserer Zeit
  61. essentiell sind. Die durch ihre Omnipräsenz vom Wirtschafts- zum
  62. Kulturgut gewordene Software sichert als Freie Software nicht nur die
  63. Grundrechte aller Bürger sondern auch die Markt-, Wahl- und
  64. Wettbewerbsfreiheit.</p>
  65. <p>Es ist allgemein bekannt, daß das Bundesinnenministerium im September
  66. einen Rahmenvertrag mit Microsoft geschlossen hat. <a NAME="ref3" HREF="#fn3"><sup>3</sup></a> Weniger
  67. bekannt ist, daß das Ministerium in diesem Zusammenhang keinerlei
  68. Handlungsspielraum hatte.<br />
  69. Wie Ihnen jeder IT-Spezialist bestätigen wird, würde eine vollständige
  70. und plötzliche Umstellung der IT-Struktur des Ministeriums inklusive
  71. Schulung der Nutzer Monate in Anspruch nehmen, in denen das
  72. Ministerium seinen Aufgaben effektiv nicht mehr nachkommen könnte. Die
  73. Arbeit für Monate ruhen zu lassen, ist jedoch eine eher akademische
  74. Möglichkeit.<br />
  75. Das Ministerium besitzt in dieser Frage also keinerlei
  76. Entscheidungsfreiheit. Es ist hochgradig abhängig von den Interessen
  77. eines einzelnen Unternehmens. Ähnliches gilt für den Rest der
  78. Deutschen Regierung.</p>
  79. <p>Dieses Problem ist jedoch nicht Microsoft-spezifisch, sondern vielmehr
  80. ein allgemeines Problem proprietärer Software, deren System auf die
  81. Erzeugung von Monopolen angelegt ist.<br />
  82. Im Gegensatz dazu bietet Freie Software die Freiheiten, Software
  83. unbegrenzt auch nach Vertragsende zu verwenden und den Anbieter frei
  84. zu wählen. Damit bietet Freie Software zudem Wettbewerbsfreiheit, da
  85. mehrere Anbieter miteinander konkurrieren können. Bei proprietärer
  86. Software ist dies nur scheinbar der Fall, da alle Anbieter selber
  87. vollständig vom Hersteller ihrer Software abhängig sind.<br />
  88. Bei Betrachtung dieser Situation wird unmittelbar ersichtlich, daß bei
  89. proprietärer Software nicht nur der Endverbraucher, sondern auch die
  90. gesamte um seine Betreuung entstandene Wirtschaft von den Interessen
  91. eines einzelnen Unternehmens abhängen.</p>
  92. <p>Aus diesen Überlegungen folgt, daß Freie Software Kommunikations-,
  93. Wettbewerbs- und Monopolfreiheit gewährt. Darüberhinaus sichert Freie
  94. Software die Unabhängigkeit der Politik.<br /> Da das Postulat einer
  95. unabhängigen Regierung notwendige Bedingung unseres politischen
  96. Systems ist, sollte also in allen funktionskritischen Bereichen
  97. ausschließlich Freie Software eingesetzt werden.</p>
  98. <p>Es existieren mehrere Freie Systeme, die technisch ausgereift und
  99. zuverlässig sind. Neben dem GNU/Linux System wird es in den nächsten
  100. Jahren noch das GNU/Hurd System geben und auch die aus der
  101. &quot;Berkeley Source Distribution&quot; (BSD) entstandenen Systeme
  102. FreeBSD, NetBSD und OpenBSD sind Freie Software.<br />
  103. Die Entscheidung zwischen diesen Systemen sollte wiederum
  104. ausschließlich aufgrund praktischer, funktionaler und
  105. sicherheitsrelevanter Aspekte und unter Berücksichtigung der
  106. Nachhaltigkeit erfolgen.</p>
  107. <p>Wie bereits angedeutet wurde, sind Unabhängigkeit und
  108. Entscheidungsfreiheit nicht nur für die Regierung, sondern auch für
  109. Unternehmen maßgebliche Werte. Noch detaillierter auf die volks- und
  110. betriebswirtschaftlichen Vorteile Freier Software einzugehen würde an
  111. dieser Stelle jedoch zu weit führen.</p>
  112. <p>Die FSF Europe und insbesondere die Herren Bernhard Reiter und Werner
  113. Koch, unsere deutschen Ansprechpartner, stehen zu weiteren Gesprächen
  114. gerne zur Verfügung.</p>
  115. <p>Mit freundlichen Grüßen,<br />
  116. Georg Greve<br />
  117. FSF Europe, Präsident</p>
  118. <hr />
  119. <dt><a NAME="fn1"></a><sup>1</sup>
  120. Wie Ihnen vermutlich bekannt ist, geht das System
  121. auf die Bemühungen des GNU-Projekts zurück, aus dessen Arbeit in
  122. Verbindung mit dem Linux-Kernel das vollständige Betriebssystem
  123. wird. Dieses GNU/Linux System ist die Basis jeder sogenannten
  124. "Linux-Distribution".
  125. </dt>
  126. <dt><a NAME="fn2"></a><sup>2</sup>
  127. Siehe <code><a href="http://linux.kbst.bund.de/bundestag/bt-pp14.199.html">http://linux.kbst.bund.de/bundestag/bt-pp14.199.html</a></code>.
  128. </dt>
  129. <dt><a NAME="fn3"></a><sup>3</sup>
  130. Siehe <code><a href="http://www.heise.de/newsticker/data/kav-27.09.01-000/">http://www.heise.de/newsticker/data/kav-27.09.01-000/</a></code>.
  131. </dt>
  132. </body>
  133. <timestamp>$Date$ $Author$</timestamp>
  134. </html>
  135. <!--
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