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  2. <html newsdate="2012-11-16">
  3. <head>
  4.  <title>Nächste Woche Dienstag: Freiburg entscheidet über Aus von ODT</title>
  5. </head>
  6. <body>
  7.  <h1>Nächste Woche Dienstag: Freiburg entscheidet über Aus von ODT</h1>
  8. <p id="introduction" newsteaser="yes">Am kommenden Dienstag entscheidet
  9. Freiburg darüber, ob sie in Zukunft statt dem Open Document Format Microsofts
  10. propritäres Format OOXML verwenden werden. Der nachfolgende offene Brief
  11. wurde soeben von der <a href="http://www.osb-alliance.com/">Open Source
  12. Business Alliance</a>, der <a href="/index.html">Free Software Foundation
  13. Europe</a> dem <a href="http://www.bikt.de/">Bundesverbands Informations-
  14. und Kommunikationstechnologie</a>, der <a
  15. href="http://www.documentfoundation.org/">Document Foundation</a> und <a
  16. href="http://www.frodev.org/">Freies Office Deutschland e.V.</a>
  17. verschickt. Bereits im <a href="/news/2012/news-20120918-01.html">September</a>
  18. hatten wir diesbezüglich die Bürgermeister und Mitglieder des Gemeinderats
  19. der Stadt Freiburg kontaktiert.</p>
  20. <p>Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Salomon,<br />
  21. Sehr geehrte Stadträtin, Sehr geehrter Stadtrat,</p>
  22. <p>In der Drucksache G-12/223 liegt Ihnen derzeit ein Beschlussantrag mit drei
  23. Punkten vor, der nichts weniger als die Abkehr der Stadt Freiburg von einer
  24. offenen und nachhaltigen IT-Strategie beschließen soll. Nach unserer
  25. Überzeugung wäre es für die Stadt Freiburg und ihre Bürger von großem Nachteil,
  26. sollte diese Beschlussvorlage Bestätigung finden. Aufgrund der Faktenlage und
  27. nach Durchsicht der Gutachten, der Vorlage und der Anhänge schlagen wir vor,
  28. den Beschluss abzulehnen.</p>
  29. <h2>1.) Aufhebung des Gemeinderatsbeschluss G-07/067 (Open Document
  30. Format)</h2>
  31. <p>Zunächst verdient der dritte Punkt des Antrages eine tiefere Begutachtung,
  32. die unserer Meinung nach nicht innerhalb der wenigen zur Verfügung stehenden
  33. Tage möglich ist, aber schwerwiegende und nachhaltige Konsequenzen hätte. Mit
  34. der dort verlangten “Aufhebung des Gemeinderatsbeschluss gemäß Drucksache
  35. G-07/067 vom 26.06.2007 (...) soweit es um die Verwendung von Open Document als
  36. Standardformat geht.” würde die Stadt Freiburg einen Weg beschreiten, der nicht
  37. mit den Prinzipien einer modernen und freien Informationsgesellschaft mit ihrem
  38. Anspruch an Nachhaltigkeit und Offenheit vereinbar ist. Die freiwillige
  39. Abhängigkeit (Vendor-Lock-In) von einem Softwarehersteller (in diesem Falle
  40. Microsoft), der alleine über Features und Funktionen eines Dateiformates
  41. entscheidet, ist nach unserem Dafürhalten nicht mit den Ansprüchen einer von
  42. Steuern finanzierten Behörde vereinbar.</p>
  43. <p>Im Gegenteil: Das Streben nach einem offenen Standard, hatte im Bereich der
  44. Office-Formate eben zu der Zielvorgabe geführt, die der Gemeinderat 2007 in
  45. weiser Voraussicht definierte. Immer mehr Gemeinden, Städte und Behörden
  46. (München, Leipzig, Schwäbisch Hall, zahlreiche US-amerikanische Städte, aber
  47. auch ganze Länder wie Brasilien, Italien, Spanien, … ) erkennen die
  48. Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit freier Formate und offener Standards, auch und
  49. gerade in der Dokumentenverarbeitung. Und nicht zuletzt hat auch Microsoft
  50. selbst ODF in seine Office-Produkte (ab 2013 <a
  51. href="http://office.microsoft.com/de-de/word-help/unterstutzung-fur-das-opendocument-format-in-microsoft-office-2010-HA101878944.aspx">vollständige
  52. Unterstützung</a>) eingebaut. Ein Wechsel, wie ihn Punkt 1 und 2 der
  53. Beschlussvorlage vorsehen, muss also keineswegs mit einer grundsätzlichen
  54. Änderung des Beschlusses und des Dokumentenformates einhergehen. Diese Annahme
  55. ist falsch, ebenso die Annahmen, ein freies Dokumentenformat sei zwingend an
  56. eine freie Office-Suite gebunden. Das durch die Beschlussvorlage beförderte
  57. DocX- bzw. OOXML-Format ist dagegen kein offenes Format.</p>
  58. <p>Auch die Europäische Kommission warnt in ihrem <a
  59. href="http://cordis.europa.eu/fp7/ict/ssai/docs/ictprocurementworkshop-dec2011/draftguidelines-action23-21dec2011.pdf">kommenden Leitfaden im Kapitel "know your standards"</a> davor.</p>
  60. <h2>2) Kritik am Gutachten und an der Stellungnahme der Behörde:</h2>
  61. <p>Das Gutachten, dass zum Wechsel auf eine reine Microsoft-Strategie rät,
  62. stellt an einigen Stellen die Realität fehlerhaft dar. Hier nur eine
  63. Auswahl:</p>
  64. <ul>
  65. <li>Auch kleinere Städte wie Schwäbisch Hall und Treuchtlingen sind durchaus, im
  66. Gegensatz zur Darstellung, sehr erfolgreich mit freier Office-Software. Beide
  67. sind auch Mitglieder der Open Source Business Alliance e.V. - wie die Stadt
  68. Freiburg. Wir möchten an dieser Stelle einen ernsthaften Erfahrungsaustausch
  69. anregen.</li>
  70. <li>Die Einschätzung des Gutachters, dass eine Kompatibilität zu Microsoft
  71. Office nicht in den nächsten Jahren erreichbar sei, ist ebenfalls falsch.
  72. Wichtig ist hier eben die unter Punkt 1 genannte Verwendung offener Standards,
  73. dann ist diese Kompatibilität selbstverständlich. Der Gutachter bleibt hierbei
  74. schuldig, welchen Einblick in die verschiedenen Freie-Software-Projekte er zu
  75. diesem Thema hat. An den verschiedenen Open-Source-Alternativen sind kompetente
  76. Software-Hersteller beteiligt, die auch nachhaltige und langfristige
  77. Perspektiven sichern. Ein Beispiel hierfür wäre etwa IBM, das große Teile des
  78. Office-Paketes IBM Symphony als Freie Software veröffentlicht hat. Und nicht
  79. zuletzt Microsoft selbst verspricht zum Beispiel in Office 2013 vollständige
  80. ODF-Kompatibilität.</li>
  81. <li>Zahlreiche Aussagen betreffend LibreOffice und Apache OpenOffice sind falsch
  82. oder veraltet. Für Beide gibt es in Deutschland ein breites und fachlich
  83. kompetentes Support-Angebot, das von SUSE bis hin zu vielen kleineren, auch in
  84. Baden-Württemberg vertretenen Anbietern reicht. Eine Liste können wir auf Ihren
  85. Wunsch gerne erarbeiten.</li>
  86. <li>Der WollMux als Anwendung zur zentralen Verwaltung und Nutzung von
  87. einheitlichen Vorlagen und Formularen bildet einen wichtigen Baustein in der
  88. Gesamtstrategie zur Optimierung der Arbeitsabläufe in der Stadt Freiburg. Diese
  89. von der Landeshauptstadt München entwickelte Anwendung, die als Freie Software
  90. ebenso wie OpenOffice.org lizenzkostenfrei genutzt werden kann, steht für
  91. Microsoft Office nicht zur Verfügung. Bei einer Migration auf Microsoft Office
  92. entfiele damit ein wichtiger und von der Anwendern hoch geschätzter Bestandteil
  93. der Arbeitsplatzausstattung.</li>
  94. <li>Aus unserer Sicht wichtig, aber überhaupt nicht thematisiert ist der Einsatz
  95. neuerer Versionen der freien Office-Pakete. Hierbei bleibt es zunächst
  96. irrelevant ob LibreOffice oder Apache OpenOffice verwendet wird. In beiden
  97. Fällen werden durch schnelle Updates eine Vielzahl von Benutzerproblemen
  98. behoben. Neue Releases erfolgen hier wesentlich öfter als bei Microsoft.
  99. Darauf gehen weder das Gutachten noch der Bericht der Verwaltung ein. Hier
  100. lässt sich problemlos weiteres Optimierungspotential erzielen.</li>
  101. <li>Das Gutachten vergleicht in seinen Handlungsanweisungen Äpfel mit Birnen.
  102. Zwar werden in den uns verfügbaren Anhängen auf zahlreichen Seiten die
  103. Lösungen, die Microsoft Office entweder als Teil- oder als Allein-Lösung
  104. vorschlagen, gewürdigt. Doch als Freie-Software-Alternative muss nur der
  105. “gescheiterte” Versuche der Stadt Freiburg herhalten, der offensichtlich sowohl
  106. an veralteter Software wie auch an unzureichender IT-Organisation litt. Dafür
  107. sprechen Aussagen im Gutachten, die auf die mangelhafte Kompatibilität und vor
  108. allem auf regelmäßige Abstürze hindeuten. Beides findet sich in aktuellen
  109. Software-Versionen nicht mehr, weder in LibreOffice noch in Apache
  110. OpenOffice.</li>
  111. <li>Ebenfalls keinen Einfluss genommen in die Beschlussvorlage haben offenbar
  112. die Aspekte des Mehrwerts und der Nachhaltigkeit, die das
  113. Open-Source-Entwicklungsmodell und die Verwendung von offenen Standards für
  114. Bürger, Behörden und die gesamte Gesellschaft haben. Auch etwaige, <a
  115. href="http://blogs.fsfe.org/gerloff/2012/11/01/the-uks-new-open-standards-policy">spätere
  116. Exit-Kosten</a>, die bei zukünftigen Entscheidungen relevant werden, finden
  117. keine Berücksichtigung.</li>
  118. <li>Es ist aus den uns vorliegenden Unterlagen nicht ersichtlich, warum der
  119. Gemeinderatsbeschluss G-07/067 aufgehoben werden soll. Mit welcher Begründung
  120. kann ODF nicht weiter als Standard eingesetzt werden, zumal auch Microsoft
  121. zukünftig auf diesen Standard setzt? Diese Möglichkeit findet in der gesamten
  122. Beschlussvorlage keine Erwähnung, hier wird sich vielmehr bereits auf ein
  123. Produkt eines Herstellers festgelegt. Nach Ansicht der Unterzeichner ist diese
  124. Prozedur keinesfalls vergabekonform und eröffnet potenziellen Auftrag­nehmern
  125. und Bewerbern zahlreiche Möglichkeiten, rechtliche Schritte einzuleiten.</li>
  126. </ul>
  127. <p>Gerne hätten wir uns in den Prozess zur Beurteilung des Gutachtens schon früher
  128. eingebracht, aber trotz unseres offenen Briefes an die Stadt vom 18. September
  129. 2012 wurde uns das Gutachten und die Stellungnahme der Verwaltung erst Anfang
  130. dieser Woche, zusammen mit der Öffentlichkeit, zur Verfügung gestellt.</p>
  131. <h2>3) Beschlussvorschlag an Sie</h2>
  132. <p>Wir möchten Sie auffordern, als Gemeinderat eine politische und nachhaltige
  133. Entscheidung zugunsten von Offenheit, Transparenz, Mitbestimmung und Mitwirkung
  134. aus dem Jahre 2007 nicht vorschnell in eine Entscheidung zu verwandeln, die zu
  135. direkten Lizenzzahlungen an einen proprietären Hersteller in Höhe von ca.
  136. 550.000 EUR führt.</p>
  137. <p>Große Städte wie München, Jena und (seit der Erstellung des Gutachtens im
  138. Sommer 2012 dazugekommen) Leipzig beweisen, dass LibreOffice- oder
  139. ApacheOffice-Implementationen der neuesten Generation erfolgreich sind. Auch in
  140. kleineren Städten wie der Stadt Schwäbisch Hall oder Treuchtlingen laufen
  141. Projekte mit einem klaren Fokus auf offenen Office-Suiten zur großen
  142. Zufriedenheit und haben zu deutlichen Einsparungen geführt.</p>
  143. <p>Weltweite Beispiele belegen Erfolge, die Institutionen jeder Couleur mit
  144. freien Office-Produkten wie LibreOffice haben - die Keynote von Italo Vignoli
  145. von der LibreOffice Konferenz <a
  146. href="http://conference.libreoffice.org/talks/content/sessions/003/files/berlin-achievements.pdf">nennt
  147. hier zahlreiche Beispiele</a>.</p>
  148. <p>Gerade die Fortschritte der letzten Jahre innerhalb der freien
  149. Office-Projekte (erfolgreiche Einführung von Qualitätsmanagement und
  150. Unit-Testing, LibreOffice gewinnt als Marktführer mehr und mehr User - 60
  151. Millionen Anwender weltweit) bezeugen die Fähigkeiten der kostenfreien
  152. Alternativen. Dass dabei jedoch weitreichende organisatorische Vorarbeiten und
  153. Planungen zu treffen sind, versteht sich. Ohne die jedoch ist auch eine
  154. Migration auf proprietäre (Office-)Produkte zum Scheitern verurteilt. Eine
  155. Office-Migration, egal mit welchem Ziel, ist stets mehr von organisatorischen
  156. Faktoren geprägt denn von technischen (Beispiel: Formatvorlagen). Gerade bei
  157. diesen Fragestellungen können wir Ihnen Kontakte und Gesprächspartner anbieten,
  158. die nachhaltige und erfolgreiche Projekte durchgeführt haben, wie zum Beispiel
  159. in Schwäbisch Hall oder München.</p>
  160. <p>Wir schlagen vor, den Erfahrungsaustausch diesbezüglich weiter zu verfolgen
  161. und zügig ein neuestes Release zu evaluieren und als klare Wahl in der Stadt
  162. einzusetzen. Ein Doppelbetrieb wie bisher ist sicherlich wenig erfolgreich,
  163. insoweit schließen wir uns dem Gutachten an. Einzelne Arbeitsplätze können wie
  164. bisher mit MS Office versorgt werden, dies ist mit einem Hinweis an Lieferanten
  165. zum verwendeten Standard zu begleiten. Parallel ist sicherlich eine aktive
  166. Änderung der Landesvorgaben bzgl. MS Office als Standard nötig. Gerne
  167. unterstützen wir hier bei zukünftigen Initiativen durch entsprechende Gremien
  168. wie den Städtetag.</p>
  169. <p>Zusammenfassend schlagen wir vor, den Beschlussvorschlag abzulehnen und eine
  170. schnelles Update auf eine neue Version einer freien Office Suite (LibreOffice
  171. oder Apache OpenOffice) durch die Verwaltung prüfen zu lassen. Den weiteren Weg
  172. hin zu mehr Einsatz Freier Software in Ihrer Stadt sind wir gerne bereit aktiv
  173. zu begleiten.</p>
  174. <p>Bitte stimmen Sie gegen die Beschlussvorlage.</p>
  175. <p>Mit freundlichen Grüßen,</p>
  176. <p>Peter Ganten - Vorsitzender des Vorstands der Open Source Business Alliance<br />
  177. Holger Dyroff - Sprecher der Working Group Public Affairs und Vorstandsmitglied der Open Source Business Alliance<br />
  178. Matthias Kirschner - Deutschlandkoordinator der Free Software Foundation Europe<br />
  179. Marco Schulze - Bundesverband des Informations- und Kommunikationstechnologie<br />
  180. Florian Effenberger - Vorsitzender des Vorstands der The Document Foundation<br />
  181. Jacqueline Rahemipour - Vorstandsmitglied des Freies Office Deutschland e.V.</p>
  182. </body>
  183.  <tags>
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  185. <tag>PublicAdministration</tag>
  186.  </tags>
  187. </html>