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  2. <html>
  3. <head>
  4. <title>FSF Europe - Computerworld Magazin Schweiz - Stefan Krempl interviewt Georg Greve</title>
  5. </head>
  6. <body>
  7. <div align="right">
  8. [ Mit freundlicher Genehmigung durch Stefan Krempl gespiegelt von<br />
  9. <a href="http://viadrina.euv-frankfurt-o.de/~sk/Pub/interview-greve.html">http://viadrina.euv-frankfurt-o.de/~sk/Pub/interview-greve.html</a> ]
  10. </div>
  11. <blockquote>
  12. <h2>Software als Kulturgut</h2>
  13. <h3>Georg C. F. Greve kämpft
  14. mit der Free Software Foundation gegen den Raubbau an der Wissensgesellschaft.
  15. Interview: Stefan Krempl. Veröffentlicht in: Computerworld Magazin 4/2003</h3>
  16. </blockquote>
  17. <blockquote>
  18. <p><a href="http://www.germany.fsfeurope.org">Free Software Foundation Europe</a>,
  19. die im März
  20. 2001 als Schwester des nordamerikanischen Pendants gegründet wurde,
  21. hat sich der Unterstützung der Freien Software in allen Bereichen verschrieben.
  22. Eine Hauptaktivität ihres Präsidenten, des Hamburgers <a href="http://gnuhh.org/">Georg
  23. C. F. Greve</a>, besteht daher in der politischen Aufklärung.
  24. Feind der Aktivisten ist die proprietäre Software, die nicht modifizierbar
  25. und vom Nutzer nur beschränkt kontrollierbar ist. Ihr unterstellt der
  26. studierte Physiker Greve im Gespräch mit Computerworld einen &quot;viralen&quot; Charakter,
  27. da sie zur Monopolbildung neige und die offene Netzwerkökonomie verstopfe.
  28. Damit dreht er ein Argument von Microsoft-Führungskräften um, die
  29. das Herzstück der Freien Software, ihre GNU General Public License,
  30. wiederholt als &quot;Krebs&quot; und Krankheitserreger bezeichnet haben.</p>
  31. <p><em>Herr Greve, auf Ihrer Homepage
  32. verfolgen Sie die Philosophie der Freien Software bis zum Heiligen Augustinus
  33. ins 4. Jahrhundert zurück. War
  34. der Kirchenvater ein verkappter Code-Hacker?</em></p>
  35. <p><strong>Georg C. F. Greve</strong>: Nach dem,
  36. was mir erzählt wurde, nicht unbedingt.
  37. Doch er gab eine klare Antwort auf die Frage nach dem Umgang mit Wissen.
  38. Die Weitergabe von Wissen und Ideen durch Kommunikation gehörte schon
  39. immer zu den grundlegenden Bedürfnissen der Menschen. Angefangen bei
  40. den ersten Höhlenmalereien und Musikinstrumenten haben Menschen danach
  41. gestrebt, sich mitzuteilen und soziale Netze zu knüpfen. Daher auch
  42. der Ausspruch von St. Augustinus, der (frei übersetzt) sagte: &quot;Jede
  43. Sache, die dadurch, dass man sie weitergibt, nicht verloren geht, wird
  44. nicht auf richtige Weise besessen, wenn man sie nur besitzt, aber nicht
  45. weitergibt.&quot; Das
  46. Bemerkenswerte ist, dass hier bereits die Verlustfreiheit dieses Vorgangs
  47. eine zentrale Komponente ist. Wissen geht durch die Weitergabe nicht verloren,
  48. Lehrer etwa werden durch den Akt der Wissensvermittlung nicht unwissend.
  49. Die neue Generation ist vermutlich die Erste in der Geschichte der Menschheit,
  50. die mit dem Bild aufgewachsen ist, dass Wissen Eigentum sei, dessen Weitergabe
  51. ihr moralisches äquivalent in einem mit physikalischer Gewalt ausgeführten überfall
  52. (&quot;Raubkopie&quot;, &quot;Piraterie&quot;) hat.</p>
  53. <p><em>Sie weisen gern auf
  54. Gemeinsamkeiten zwischen den Prinzipien der Freien Software und der Wissenschaft
  55. hin. Lässt
  56. sich diese These erhärten?</em></p>
  57. <p><strong>Greve</strong>: Wissenschaft beruht
  58. auf dem methodischen Arbeiten. Neben einer Objektivierung der Erkenntnis ermöglicht es die Zusammenarbeit vieler Menschen, um
  59. in Kooperation weiter zu kommen als jeder für sich allein. Sehr schön
  60. hat dies Sir Isaac Newton ausgedrückt, als er sagte: &quot;Wenn ich
  61. etwas weiter sah als andere, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen
  62. stand.&quot; Den Vorteil hat die gesamte Gesellschaft. Ebenso funktioniert
  63. das Paradigma Freier Software, da es uns bewusst erlaubt, auf dem Stand der
  64. Technik aufzubauen und dazu beizutragen. Davon profitieren hinterher alle.</p>
  65. <p><em>Wie
  66. erklären Sie Politikern in Bern, Berlin oder Brüssel,
  67. denen Sie als Anwalt des offenen Source-Codes das Phänomen
  68. der Freien Software schmackhaft machen sollen, die Vorzüge
  69. der &quot;Quellenarbeit&quot;?
  70. Die philosophische Argumentation dürfte da ja wenig bewirken.</em></p>
  71. <p><strong>Greve</strong>:
  72. Im Bereich der Politik konzentrieren wir uns in der Tat zumeist
  73. auf die betriebs- und volkswirtschaftlichen Vorteile Freier
  74. Software,
  75. sowie die
  76. Gewinne an politischer Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit.
  77. Der erste Schritt ist zu erklären, dass es bei Freier Software
  78. eben nicht &quot;nur
  79. um eine Technologie&quot; geht, sondern um ein neues Paradigma
  80. im Umgang mit Software. Software hat sehr viel mehr Einfluss auf
  81. die Gesellschaft,
  82. als allgemein angenommen. Der Zugriff auf Software ist die grundlegende
  83. Voraussetzung für wesentliche Teile unserer Wirtschaft, er
  84. entscheidet über die
  85. Meinungsbildung durch den Zugang zu Informationen und beeinflusst
  86. maßgeblich
  87. die Möglichkeiten des Einzelnen zu Bildung, Kommunikation
  88. und Arbeit. Das macht Software zu einer Kulturtechnik und einem
  89. Kulturgut. Bei Freier
  90. Software geht es darum, ein neues Paradigma zu etablieren, welches
  91. das System in Richtung auf mehr politische Unabhängigkeit,
  92. weniger Monopole, mehr Gleichberechtigung, niedrigere Markteintrittsbarrieren,
  93. bessere Möglichkeiten
  94. der informationellen Selbstbestimmung und eine gestärkte Volkswirtschaft ändert.</p>
  95. <p><em>Wie
  96. funktioniert das Lobbying der FSF Europe konkret? Die Organisation
  97. hat ja vermutlich nicht das Personal und die Mittel, um den
  98. politischen Entscheidungsträgern
  99. in Brüssel und den Nationalstaaten ständig gewiefte
  100. Lobbyexperten auf den Schoß zu setzen?</em></p>
  101. <p><strong>Greve</strong>: Unsere
  102. Mittel sind in der Tat bescheiden -- vor allem im Vergleich
  103. mit Interessengruppen, denen an einer Ausweitung der intellektuellen
  104. Kontrollrechte gelegen ist. Daher bemühen wir uns, an
  105. den wichtigen Stellen Impulse zu setzen. Das kann die Teilnahme
  106. an einer Konferenz, einer Kommission oder
  107. auch das Schreiben eines Artikels sein. Außerdem gibt
  108. es auch Leute innerhalb der Institutionen, die die Vorteile
  109. Freier Software erkannt haben
  110. und die wir mit &quot;Munition&quot; ausstatten. Leider ist
  111. die Bedeutung dieser Arbeit schwer zu vermitteln, zumal sie
  112. langsam wirkt und eine recht
  113. hohe Frustrationstoleranz erfordert. Dabei ist sie so wichtig
  114. wie nie zuvor, bildet sie doch das Gegengewicht zur proprietären
  115. Software- und Medienindustrie, die dabei ist, sämtliche
  116. Claims der Wissensgesellschaft für sich
  117. abzustecken und dabei einen beträchtlichen Flurschaden
  118. anrichtet. Gegen diesen Raubbau am intellektuellen Fundament
  119. der künftigen Generationen
  120. arbeiten wir mit dem Ziel, ein wirtschaftlich wie sozial
  121. verträglicheres
  122. System zu etablieren.</p>
  123. <p><em>Warum macht sich die FSF
  124. just so sehr für den Einzug
  125. von Linux und Co. in die öffentlichen Verwaltungen
  126. stark?</em></p>
  127. <p><strong>Greve</strong>: Das Paradigma proprietärer Software hat
  128. eine stark monopolisierende Tendenz. Dies leitet sich davon
  129. ab, dass üblicherweise Produkte eines
  130. Herstellers nur mit sich selbst gut funktionieren. Sind
  131. nun zwei Menschen darauf angewiesen, miteinander zu arbeiten
  132. oder zu kooperieren, müssen
  133. sie zumeist dasselbe Produkt desselben Herstellers benutzen.
  134. Theoretisch bieten offene Standards zwar einen Ausweg.
  135. Praktisch zeigt sich jedoch, dass
  136. dies kaum funktioniert. Die Versuchung, offene Standards
  137. zu &quot;verbessern&quot; ist
  138. offensichtlich zu groß für proprietäre
  139. Softwarehersteller. So ist dann nur noch die Migration
  140. zu dessen Produkt möglich.</p>
  141. <p><em>Der berühmte
  142. Lock-in-Effekt?</em></p>
  143. <p><strong>Greve</strong>: Genau. Dieser &quot;virale&quot; Effekt
  144. proprietärer Software
  145. ist der Grund dafür, dass das proprietäre
  146. Paradigma eine sehr stark monopolisierende Tendenz
  147. aufweist. Besonders schwierig wird es, wenn die öffentliche
  148. Hand auf proprietäre Software setzt, da sie schnell
  149. Gefahr läuft,
  150. so Monopolen Vorschub zu leisten. Bei konsequentem
  151. Einsatz Freier Software wird dies vermieden und auch
  152. die politische wie wirtschaftliche Unabhängigkeit
  153. der Regierung gestützt. Außerdem geht davon
  154. eine gewisse Akzeptanz aus, die speziell im Wirtschaftsumfeld
  155. wichtig ist und es den Unternehmen
  156. eines Landes leichter macht, mit und durch Freie Software
  157. wirtschaftlich erfolgreich zu sein.</p>
  158. <p><em>Was sehen Sie als
  159. die Höhepunkte Ihres lobbyistischen
  160. Schaffens an? Was haben Sie in den vergangenen
  161. zwei Jahren seit der Gründung
  162. der Plattform erreicht?</em></p>
  163. <p><strong>Greve</strong>: Seit der Gründung
  164. der FSF Europe Anfang 2001 konnten wir bereits
  165. einige Erfolge verbuchen. So waren wir zu Gesprächen
  166. und Vorträgen
  167. von Tokio bis nach Washington im Einsatz. Unsere
  168. Teilnahme am Vorbereitungstreffen für den
  169. Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS)
  170. im Juli 2003 in Paris erfolgte als Teil der deutschen
  171. Regierungsdelegation. Andere Beispiele
  172. sind die Commission on Intellectual Property Rights
  173. der britischen Regierung, zu deren Expertenworkshop
  174. ich eingeladen war und die als Ergebnis den Entwicklungsländern
  175. den Blick auf Freie Software empfahl. Auch im Rahmen
  176. der Europäischen
  177. Kommission waren wir aktiv. So gelang es uns etwa,
  178. im Gebiet der Information Society Technologies
  179. (IST) eine generelle Aussage zugunsten Freier Software
  180. unterzubringen, die Projekten Freier Software einen
  181. Evaluationsbonus bei
  182. der Vergabe der Fördergelder gibt.</p>
  183. <p><em>Ist der
  184. Kampf gegen einen Milliardenkonzern wie Microsoft,
  185. der stellvertretend für die Welt des geschlossenen,
  186. proprietären
  187. Quellcodes steht, nicht trotzdem oft frustrierend?</em></p>
  188. <p><strong>Greve</strong>:
  189. Zunächst einmal kämpfen wir nicht
  190. gegen Microsoft, auch wenn die Firma das
  191. manchmal anders zu sehen scheint. Das Monopol,
  192. das Microsoft
  193. innehat, ist das zu erwartende Ergebnis eines
  194. auf proprietärer Software
  195. aufgebauten Systems. Wäre es nicht Microsoft,
  196. wäre es jemand anders.
  197. Natürlich hat der aktuelle Inhaber des
  198. Monopols mehr zu verlieren als Andere und
  199. wehrt sich dementsprechend heftiger, doch
  200. ist uns
  201. nicht daran
  202. gelegen, ein Monopol gegen ein Anderes zu
  203. ersetzen. Wir möchten das
  204. System dahingehend ändern, dass es weniger
  205. Tendenzen zur Monopolisierung gibt. Dabei
  206. sind wir bereit, auch Microsoft auf dem Weg
  207. zu Freier
  208. Software
  209. zu unterstützen -- obwohl es vermutlich
  210. noch dauern wird, bis Microsoft diesen Schritt
  211. unternimmt.</p>
  212. <p><em>Die FSF Europe hat sich gegen
  213. die Einführung
  214. von Softwarepatenten ausgesprochen &#8211; die
  215. Haltung der EU-Kommission und von Teilen
  216. des Europaparlaments weist aber in die
  217. entgegen
  218. gesetzte
  219. Richtung. Zeigen sich hier die Grenzen
  220. des Lobbyings im Namen der Freien Softwareentwickler?</em></p>
  221. <p><strong>Greve</strong>:
  222. Softwarepatente schaden der Freien Software
  223. extrem, sind aber nicht eine ausschließliche
  224. Frage der Freien Software. Tatsächlich geht
  225. es hier eher um Belange kleiner und mittelständischer
  226. Unternehmen. Diese mögen in Europa
  227. den größten Teil des Bruttosozialproduktes
  228. erwirtschaften, haben aber praktisch kaum
  229. politisches Gewicht. Es sind vor allem
  230. Organisationen wie die amerikanische Business
  231. Software Alliance (BSA),
  232. die zugunsten von Softwarepatenten arbeiten.
  233. Dass die BSA kein einziges europäisches
  234. Mitglied hat, macht diesen Umstand besonders
  235. pikant. Bei einer Umfrage der Europäischen
  236. Kommission zum Thema äußerte
  237. sich die Mehrheit der europäischen
  238. Unternehmen übrigens klar kritisch
  239. zu Softwarepatenten. Die Auswerter der
  240. Studie haben sich im Nachhinein dennoch
  241. für Softwarepatente
  242. ausgesprochen, nachdem die Stimmen entsprechend
  243. des Finanzvolumens der Unternehmen gewichtet
  244. wurden.</p>
  245. <p><em>Wie sich schwammige Patentansprüche
  246. gegen die Community einsetzen lassen,
  247. zeigt der heftige Streit zwischen SCO und der
  248. Linux-Welt.
  249. Ist das ein Ausblick auf kommende Schlachtfelder
  250. oder der Nachhall eines im Sterben
  251. liegenden Softwareverständnisses?</em></p>
  252. <p><strong>Greve</strong>: Die SCO-Auseinandersetzung
  253. ist der Todeskampf einer Firma, die bereits
  254. seit
  255. Jahren kein klares
  256. Konzept und
  257. keine innovative
  258. Kraft
  259. mehr hat. Daher
  260. versuchen sie, mit solchen Manövern
  261. eine übernahme zu erreichen
  262. oder zumindest den Aktienkurs kurzfristig
  263. in die Höhe zu treiben. Obwohl
  264. SCO selber Freie Software vertrieben
  265. hat, hat das Management sie offensichtlich
  266. nie verstanden. Insofern zeigt sich
  267. hier, dass es nicht reicht, sich Freie
  268. Software auf die Fahnen zu schreiben,
  269. ohne sie auch in ihren Grundlagen zu
  270. durchdringen. Bei SCO saß man
  271. aller Wahrscheinlichkeit der irrigen
  272. Ansicht auf, es handele sich bei GNU/Linux
  273. nur um ein neues Betriebssystem.</p>
  274. <p><em>Momentan
  275. wird in vielen europäischen
  276. Ländern
  277. die umstrittene Urheberrechtsrichtlinie
  278. aus Brüssel umgesetzt. Wo
  279. liegen hier und in der geplanten
  280. Verschärfung
  281. des Paragraphenwerks die Gefahren
  282. für
  283. die Freie Software?</em></p>
  284. <p><strong>Greve</strong>: Die Gefahren
  285. der European Copyright Directive
  286. (EUCD) sind
  287. nicht auf Freie
  288. Software beschränkt, treten
  289. dort aber besonders deutlich zutage.
  290. Die Strafbarmachung der &quot;Umgehung
  291. technischer Schutzmaßnahmen&quot; bedeutet
  292. die teilweise Umwandlung der Demokratie
  293. in eine Technokratie. Sie erlaubt
  294. es, Barrieren im öffentlichen
  295. Raum zu schaffen, deren überschreitung
  296. strafbar ist. So hat beispielsweise
  297. Scientology die entsprechende Gesetzgebung
  298. in den Vereinigten Staaten, den
  299. Digital Millennium Copyright Act
  300. (DMCA), erfolgreich zur Zensur
  301. eingesetzt. Ein anderes Beispiel
  302. ist das des norwegischen
  303. Teenagers Jon Johansen, der wegen
  304. Verletzung des DMCA angeklagt wurde:
  305. er hatte die Möglichkeit geschaffen,
  306. regulär gekaufte DVDs auch
  307. unter GNU/Linux abzuspielen. Das
  308. eigentliche Ziel von DMCA und EUCD
  309. ist es, die
  310. Auseinandersetzung mit Software
  311. selbst dann strafbar zu machen,
  312. wenn diese völlig legal ist.
  313. Es geht um die Implementierun eines
  314. Digitalen Restriktionsmanagements
  315. (DRM), von dem sich die Plattenindustrie
  316. die Lösung ihrer internen
  317. Strukturkrise verspricht. Erforderlich
  318. ist dafür die totale überwachung
  319. des Nutzers. Das verträgt
  320. sich naturgemäß nicht
  321. mit Freier Software, die darauf
  322. ausgelegt ist, dem Nutzer die Freiheit
  323. der Kontrolle über seine
  324. informationelle Umgebung zu geben.</p>
  325. <p><em>Sie
  326. haben im Februar das Fiduciary
  327. Licence Agreement (FLA) veröffentlicht.
  328. Was genau ist das und wer profitiert
  329. davon?</em></p>
  330. <p><strong>Greve</strong>: Die Treuhänderische
  331. Lizenzvereinbarung (FLA) erlaubt es Autoren Freier Software, die FSF Europe
  332. oder eine andere Organisation zum Treuhänder
  333. ihrer Rechte zu machen. Dadurch
  334. kann die FSF Europe die langfristige juristische Wartbarkeit und Sicherheit
  335. Freier Software gewährleisten und zudem die
  336. Autoren vor einem Teil des
  337. juristischen Risikos schützen. Die FSF Nordamerika
  338. macht dies bereits seit einiger
  339. Zeit für das GNU-Projekt und das hat
  340. sich gerade auch im SCO-Fall
  341. von unschätzbarem Wert erwiesen. Nicht
  342. umsonst konzentrieren sich
  343. alle Angriffe von SCO ausschließlich auf
  344. den Linux-Kernel des GNU/Linux-Systems,
  345. denn dort wurden solche Vorkehrungen nicht getroffen. Nutznießer
  346. des FLA sind also die Autoren und Nutzer Freier Software, vor allem auch
  347. die kommerziellen Nutzer, die auf eine entsprechende
  348. Rechtssicherheit angewiesen
  349. sind.</p>
  350. <p><em>Im Dezember steht der World
  351. Summit on the Information Society in Genf an, auf dem im internationalen
  352. Rahmen
  353. die Weichen
  354. für die vernetzte Gesellschaft
  355. gestellt werden sollen. Die
  356. FSF Europe vertritt dabei
  357. mit die Interessen der Netzbürger.
  358. Haben Sie ein gutes Gefühl
  359. oder werden sich die großen
  360. Konzerne hier ähnlich
  361. wie in der World Intellectual
  362. Property Organization (WIPO)
  363. durchsetzen?</em></p>
  364. <p><strong>Greve</strong>: Tatsächlich
  365. steht dies zu befürchten.
  366. Momentan tun viele so,
  367. als ob der WSIS der falsche
  368. Ort
  369. sei, um die Rechte an der
  370. Informationsgesellschaft
  371. zu diskutieren. Dies solle
  372. man lieber innerhalb der
  373. WIPO tun, heißt
  374. es. Dazu kommen Probleme
  375. mit Regierungen, die sich
  376. gegen diese Diskussion
  377. mit dem Argument wehren,
  378. sie
  379. sei Aufgabe einer Menschenrechtskommission.
  380. Dass Informationstechnologie
  381. auch dazu eingesetzt werden
  382. kann, bestehende
  383. Menschrechte de facto außer
  384. Kraft zu setzen, fällt
  385. schnell unter den Tisch.</p>
  386. <p><em>Was
  387. ist nötig, um Software
  388. als &quot;Kulturgut&quot; stärker
  389. ins öffentliche
  390. Bewusstsein zu hieven?</em></p>
  391. <p><strong>Greve</strong>: Zunächst
  392. einmal ist es wichtig,
  393. dass Menschen beginnen,
  394. zu verstehen, wie sehr
  395. Software bereits in das
  396. tägliche Leben eingedrungen
  397. ist. Im Zweifelsfall müsste
  398. dies auch an Schulen und
  399. Universitäten behandelt
  400. werden. Grundkenntnisse
  401. im Programmieren wären
  402. hilfreich dabei, die Möglichkeiten
  403. der Informationstechnologie
  404. zu verstehen. Das Wissen
  405. um grundlegende Zusammenhänge
  406. und die Existenz bestimmter
  407. Fragen und Gefahren dürfte
  408. unverzichtbar sein. Teil
  409. des Problems ist, dass
  410. diese Fragen in den Medien üblicherweise
  411. im Technik- oder Wissenschaftsteil
  412. behandelt werden, obwohl
  413. sie eher in den politischen
  414. Teil und oder ins Feuilleton
  415. gehören.</p>
  416. <p><em>Kann
  417. die freie Softwaregemeinde
  418. heute bereits mit ausreichenden
  419. Alternativen zur proprietären
  420. Softwareentwicklung
  421. aufwarten?</em></p>
  422. <p><strong>Greve</strong>: Ja,
  423. alle Standardprobleme
  424. lassen sich ebenso
  425. gut oder sogar besser
  426. lösen. Speziell
  427. bei den vernetzten
  428. Aktivitäten hat
  429. Freie Software klar
  430. die Nase vorn &#8211; der
  431. größte Teil
  432. des Internet basiert
  433. darauf. Mittlerweile
  434. lässt sich sagen,
  435. dass GNU/Linux nicht
  436. mehr schwerer zu bedienen
  437. ist als beispielsweise
  438. Windows. Allerdings
  439. sollten Umsteiger
  440. die Bereitschaft mitbringen,
  441. sich mit etwas Neuem
  442. auseinanderzusetzen.
  443. Die Ausnahme bilden
  444. im Moment noch einige
  445. branchenspezifische
  446. Lösungen,
  447. die häufig auf
  448. Windows maßgeschneidert
  449. wurden. Doch auch hier
  450. lassen sich in der
  451. Praxis oft Lösungen
  452. finden und es zeigt
  453. sich, dass diese Lücken
  454. zunehmend geschlossen
  455. werden.</p>
  456. <p><em>Monopole wie
  457. Microsoft erleichtern
  458. Anwendern häufig
  459. das Arbeiten mit
  460. dem Computer, etwa
  461. durch
  462. die raschere Etablierung
  463. von Standards.
  464. Ist das wirklich
  465. immer
  466. nur schlecht für
  467. den (Dumm-)Nutzer,
  468. der selbst mit
  469. dem Quellcode gar
  470. nichts
  471. anfangen kann?</em></p>
  472. <p><strong>Greve</strong>:
  473. Im professionellen
  474. Bereich gelten
  475. andere Kriterien
  476. und
  477. Maßstäbe,
  478. doch begegnet man
  479. dieser Frage gelegentlich
  480. im Bereich der
  481. Privatanwender.
  482. Allerdings erweist
  483. sich die Annahme
  484. bei Licht betrachtet
  485. als auf Sand gebaut.
  486. Zu den wesentlichen
  487. Eigenschaften des
  488. proprietären
  489. Software-Paradigmas
  490. gehört die
  491. Notwendigkeit von
  492. erzwungenen Updates.
  493. Diese erfordern
  494. von den Nutzern
  495. zum Teil eine wesentliche
  496. Umstellung und
  497. es wird oft bewusst
  498. die Kompatibilität
  499. zu alten Versionen
  500. aufgegeben. Dazu
  501. kommt, dass der
  502. Preis für
  503. diese scheinbare
  504. Standardisierung
  505. recht hoch ist
  506. und die Frage nach
  507. dem Sourcecode
  508. dafür sekundär
  509. ist. Vom gesellschaftlichen
  510. Standpunkt zentral
  511. ist die persönliche
  512. informationelle
  513. Freiheit und Selbstbestimmung
  514. des Nutzers.</p>
  515. <p><em>Was
  516. entgegen Sie
  517. Kritikern, die der FSF einen
  518. Hang zum Dogmatismus
  519. vorwerfen?
  520. Wäre
  521. es manchmal nicht
  522. sinnvoller, statt
  523. auf Begriffen wie &quot;Freier
  524. Software&quot; statt &quot;Open
  525. Source&quot; oder &quot;GNU/Linux&quot; herumzureiten,
  526. pragmatischer vorzugehen?</em></p>
  527. <p><strong>Greve</strong>: Leider scheint es, dass
  528. heutzutage &quot;pragmatisch&quot; oft als
  529. Synonym für kurzsichtig herhalten muss. Das halte ich für problematisch.
  530. Die Free Software Foundation hat sich immer um langfristige Perspektiven
  531. bemüht und ist zumeist außerordentlich pragmatisch vorgegangen.
  532. Ein gutes Beispiel ist die GNU General Public License (GPL), die meistverwandte
  533. Lizenz Freier Software, die von der FSF herausgegeben, gewartet und geschützt
  534. wird. Diese Lizenz ist sehr bewusst so geschrieben, dass sie die maximale
  535. Freiheit der Mehrheit schützt -- unter der Annahme, dass manche
  536. Menschen sich egoistisch verhalten. Sie funktioniert ausgezeichnet in einer
  537. rein pragmatischen Welt. Deswegen setzen sie Unternehmen wie IBM ein. Was
  538. die Begriff angeht, so zeigt die Erfahrung, dass diese die Art und Weise
  539. beeinflussen, wie Menschen denken. &quot;Open Source&quot; wurde 1998 als
  540. Marketingbegriff für Freie Software vorgeschlagen. Die Erfahrung hat
  541. jedoch gezeigt, dass er speziell bei Nicht-Entwicklern den wahren Inhalt,
  542. die Freiheit, nicht vermittelt. Dazu kommt, dass der Begriff sich als anfällig
  543. für Missbrauch und inflationäre Verwendung erwiesen hat. Pragmatismus
  544. kann auch bedeuten, einen Marketingversuch aufzugeben, wenn klar wird,
  545. dass er mehr schadet als nutzt.</p>
  546. </blockquote>
  547. </body>
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  549. </html>
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