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<title>FSF Europe - Weltgipfel der Informationsgesellschaft (WSIS)</title>
</head>
<body>
<center>
<a href="FreeSoftware.pdf">[ PDF; 92k ]</a>
</center><br/>
<center>
<h1>"Freie Software"</h1>
<h2>(a.k.a. "Libre Software" oder "Open Source")</h2>
</center>
<p class="indent"> Auf der PrepCom3 wurde häufiger die Forderung nach
einem Referenzdokument über die Rolle Freier Software auf dem Weltgipfel der
Informationsgesellschaft laut. Dieses Dokument versucht eine solche Referenz
darzustellen.</p>
<p class="indent">Das "Frei" in dem Begriff Freie Software bezieht sich auf
Freiheit, nicht auf den Preis. Der Begriff wurde seit den 80er Jahren in diesem
Verständnis genutzt, und die erste komplette und dokumentierte Definition
scheint das <a href="http://www.gnu.org/bulletins/bull1.txt">GNU Bulletin, Vol 1 Nr. 1</a>, zu
sein, veröffentlicht Februar 1986. Im Besonderen <a href="http://www.gnu.org/philosophy/free-sw.html">definieren</a> vier Freiheiten Freie Software:</p>
<ul>
<li class="indent"><B>Die Freiheit, das Programm für jeden Zweck nutzen zu
können.</B> <p class="indent"> <em>Das Einsetzen von Einschränkungen bei der
Verwendung Freier Software wie zum Beispiel Zeit ("30 Tage Testphase",
"Lizenz läuft am 01 Januar 2004 aus"), Zweck ("Lizenz wird nur zu
Forschungszwecken und zur nicht-kommerziellen Anwendung erteilt") oder
geographischer Gegend ("ist nicht zu verwenden im Land X") macht ein Programm
unfrei.
</em></p>
</li>
<li class="indent"><B>Die Freiheit, zu erforschen, wie das Programm arbeitet und
es an seine eigenen Bedürfnisse anzupassen</B>
<p class="indent"> <em>Das Einsetzen von legalen oder praktischen
Beschränkungen bezüglich des Verstehens oder der Modifikation eines Programms,
wie zum Beispiel verpflichtender Erwerb von speziellen Lizenzen, der zwingende
Abschluss Stillschweigeabkommens oder, - bei Programmiersprachen, die
verschiedene Formen und Darstellungen haben - die bevorzugte Form des
Verstehens und Veränderns eines Programms (den Quellcodes) unerreichbar zu
machen, das alles sorgt dafür, dass ein Programm zu proprietärer Software
(unfrei) wird. Ohne die Freiheit, ein Programm verändern zu können, werden
Menschen immer von der Willkür eines einzigen Anbierters abhängig bleiben.</em>
</p>
</li>
<li class="indent"><B>Die Freiheit Kopien zu verteilen, sodass man seinem
Nächsten helfen kann</B> <p class="indent">
<em>Software kann praktisch ohne Aufwand kopiert und weiterverteilt
werden. Wenn es nicht erlaubt ist, einer anderen Person das Programm zu
geben, wenn sie es braucht, heißt das, dass das Programm unfrei ist. Die
Weitergabe kann, wenn gewünscht, auch kostenpflichtig sein.
</em></p>
</li>
<li class="indent"><B>Die Freiheit, das Programm zu verbessern und die
Verbesserungen zu veröffentlichen, sodass die gesamte Gemeinschaft davon
profitieren kann. </B>
<p class="indent"> <em>Nicht jeder ist auf jedem Gebiet ein gleich guter
Programmierer. Manche Leute können überhaupt nicht programmieren. Diese
Freiheit erlaubt es denen, die nicht die Zeit oder Fähigkeiten besitzen, ein
Problem zu lösen, indirekt von der Freiheit der anderen zu profitieren, die
das Program verändern. Dies kann gegen Gebühr erfolgen.</em></p>
</li>
</ul>
<p class="indent">Bei all diesen Freiheiten handelt es sich um Rechte, nicht um
Verpflichtungen, auch wenn der Respekt vor diesen Freiheiten für die
Gesellschaft manchmal eine Verpflichtung für einen Einzelnen zur Folge haben
kann. Jede Person kann sich dazu entschließen, nicht von ihnen Gebrauch zu
machen, Sie könnte sich aber auch dazu entschließen alle Freiheiten zu nutzen.
Speziell sollte hier verstanden werden, dass Freie Software eine kommerzielle
Nutzung nicht ausschließt. Wenn ein Programm kommerzielle Nutzung und
kommerziellen Vertrieb nicht erlaubt, handelt es sich dabei nicht um Freie
Software. In der Tat bauen immer mehr Unternehmen ihre Geschäftsmodelle
komplett oder zumindest zum Teil auf Freier Software auf, einschließlich ein
paar der größten proprietären Softwareanbieter.
Freie Software ermöglicht es, Hilfe und Unterstützung anzubieten, sie
verpflichtet aber nicht dazu.</p>
<h3>Terminologie</h3>
<p class="indent">Englisch scheint die einzige Sprache zu sein, in der eine
solch große Doppeldeutigkeit zwischen Freiheit und Preis besteht. Wenn man den
Begriff in andere Sprachen übersetzt, wird aus Freier Software "logicel
libre" im Französischen, "software libre" im Spanischen, "software libero" im
Portugisischen, "Fri Software" im Dänischen oder was auch immer der
vergleichbare Begriff in der jeweiligen Sprache für Freiheit sein mag.</p>
<b>Open Source</b>
<p class="indent">Am 03. Februar 1998, im Gefolge von Netscapes Ankündigung,
ihren Browser als Freie Software der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, traf
sich eine Gruppe von Leuten in Palo Alto im Silicon Valley und schlug vor, eine
Marketing-Kampagne für Freie Software unter Nutzung des Ausdrucks "Open
Source" zu starten. Das Ziel war es, eine schnelle Kommerzialisierung und
Akzeptanz für Freie Software bei den Unternehmen und Großkapitalisten der neuen
Ökonomie zu finden. Um dieses Ziel zu erreichen, beschlossen sie, gewissenhaft
alle langfristigen Punkte (wie Philosophie, Ethik und soziale Effekte), die mit
Freier Software verbunden sind, beiseite zu lassen, fühlten sie doch, dass dies
Hindernisse auf dem Weg zur schnellen Akzeptanz seitens der Wirtschaft sein
würden.
Sie schlugen vor, sich nur auf den technischen Fortschritt zu konzentieren.<a class="fn" href="#fn">1</a></p>
<p class="indent">Manche Leute, die auf die Werte "Freier Software" verweisen
wollen, benutzen oft in gutem Glauben den Begriff "Open Source" - er definierte
anfänglich das gleiche wie "Freie Software" wenn es um Lizenzen und
Implementierung ging. Er wurde jedoch seitdem inflationär benutzt. Heutzutage
wird er für alles verwendet, zwischen "Freier Software" und dem hochgradig
proprietären "Governmental Security Program" (GSP), von Microsoft.<a class="fn" href="#fn">2</a></p>
<b>Libre Software</b>
<p class="indent"> Als die Europäische Kommission anfing, Freie Software auf
regulärer Basis zu nutzen, suchte sie nach einer Möglichkeit,
der Doppeldeutigkeit des englischen Wortes "Free Software" und den
Missverständnissen des Begriffes "Open Source" aus dem Weg zu gehen, was zu
der Einführung eines dritten Begriffes führte, der seit 1992 gelegentlich
aufkommt: "Libre Software". Dieser Begriff stellte sich als wiederstandsfähig
gegenüber einem inflationären Gebrauch heraus und wird immer noch als
Synonym für Freie Software genutzt. Er stellt also eine Lösung für
diejenigen dar, die Angst haben, missverstanden zu werden, wenn sie englisch
sprechen.</p>
<h3>Entwicklung</h3>
<p class="indent">Wenn man an Freie Software denkt, so sollte man sie als
umfassendes Konzept für eine vertrauenswürdige, nachhaltige und zuverlässige
Informations- und Wissensgesellschaft sehen, die alle Interessengruppen
einbezieht.</p>
<p class="indent">Den Preis, den wir für die Vorherrschaft von propriäterer
Software zahlen, ist hoch, da das Paradigma hinter propriätärer Sofware über
eine starke, dem System inhärente Monopolisierungstendenz verfügt <a class="fn" href="#fn">3</a> und
Software alle Gebiete der Wirtschaft beeinflusst. Deswegen leidet die
Wirtschaft der nördlichen Hemisphäre, und die südlichen Länder haben die Wahl
zwischen Ausschluss oder aber Mitleiden in einer totalen Abhängigkeit. Das ist
der Grund, warum eine Zerschlagung von Microsoft ohne eine Änderung des
Paradigmas keine sichtbare Veränderung der Situation herbeiführen würde. Freie
Software andererseits bringt den Wettbewerb zurück, während sie gleichzeitig
Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen, Menschen und Regierungen erlaubt, und
das für alle Menschen gleichermaßen verfügbar und nutzbar.</p>
<p class="indent">Während Minderheiten immer auf den guten Willen
großer multinationaler Unternehmen angewiesen sind, wenn es sich um die
Unterstützung ihrer Kultur und Sprache bei propriäterer Software handelt,
gibt ihnen Freie Software die Möglichkeit, sie ihren Bedürfnissen
anzupassen. Deswegen erlaubt Freie Software es, eine bewährte lokale Hard- und
Softwareindustrie aufzubauen, die unabhängig von Monopolen und multinationalen
Konzernen ist. Natürlich ist eine Kooperation mit großen Unternehmen möglich
und könnte auch hilfreich sein, aber während Abhängigkeit der Preis ist, den
man bei propriäterer Software zahlen muss, bietet Freie Software hierbei
Unabhängigkeit.</p>
<h3>Gleichberechtigung</h3> <p class="indent">Die Gestaltung, Entwicklung und
Verwendung von Software ist in allen Gesellschaftsschichten steigend. Zunehmend
bestimmt auch der Zugang zu Software über unsere Möglichkeiten der Bildung,
Kommunikation, Arbeit und sogar Sozialkontakte.
Dies beinhaltet die Bildung von sozialen Bewegungen, die Förderung der
Bürgerrechte und die Förderung einer transparenten Demokratie ebenso wie alle
staatlichen und gesundheitlichen Dienstleistungen.</p>
<p class="indent">Software ist in der Gesellschaft der nördlichen Hemisphäre
bereits stark verwurzelt, und wenn die Entwicklungsstrategien erfolgreich sind,
wird das auch zu irgendeinem Zeitpunkt für die südlichen Länder gelten.
Darum sollte Software als eine Kulturtechnik angesehen werden, manchmal sogar
als ein Kulturgut.</p>
<p class="indent">Für alle Kulturtechniken gilt, dass wir uns fragen
müssen, wer über sie die Kontrolle ausüben sollte. Bei proprietärer Software
sind das große multinationale Unternehmen der nördlichen Halbkugel.<a class="fn" href="#fn">4</a>
Freie Software sorgt hingegen dafür, dass die kulturelle Technik allen
gleichberechtigt verfügbar ist.</p>
<h3>Menschenrechte</h3>
<p class="indent">Für Menschen mit Zugang zum Internet - und wir hoffen, dass
das irgendwann alle Menschen umfassen wird - gilt, dass die Menschenrechte der
Mitwirkung an der Kultur und der Rede- und Meinungsfreiheit von der Kontrolle
und der Verwendung von Software beeinflusst werden, wie auch
Versammlungsfreiheit und Bewegungsfreiheit. Software bildet das Medium. Ganz
im Gegensatz zur propriäteren Software gibt Freie Software jeder Person die
volle Kontrolle über ihren persönlichen Informationsraum. Auch wenn das
noch nicht ausreicht, um die Privatsphäre und Sicherheit zu gewährleisten, ist
es eine notwendige Voraussetzung.</p>
<h3>Technokratie verhindern - Demokratie erhalten</h3>
<p class="indent">Gesetze sollten durch Repräsentanten entwickelt
werden, die demokratisch in einer transparenten Wahl gewählt wurden. Auch in
Situationen, in denen dies zutrifft, werden Rechte, die nicht ausgeübt werden
können, ungenützt bleiben. Nur weil Rechte auf dem Papier garantiert sind,
heißt das noch lange nicht, dass Menschen sie auch ausüben können.</p>
<p class="indent">Schon allein die Komplexität von modernen Systemen, aber vor
allem auch die Undurchsichtigkeit von proprietärer Software macht es schwierig
und unmöglich, die Demokratie auf digitalem Gebiet aufrecht zu erhalten.
Außer bei Freier Software hängen die Möglichkeiten, bestimmte Rechte ausüben zu
können oder eben nicht ausüben zu können, vom Anbieter der proprietären
Software ab - es ist die alleinige Entscheidung des Anbieters, und dieser
Entscheidung wird heute oft Vorrang vor demokratischen Grundregeln gegeben.</p>
<p class="indent">Gute Beispiele hierfür sind die European Copyright Directive
(EUCD) und das Digital Millennium Copyright Act (DMCA), sie sind beide
Anwendungen des "World Intellectual Property Organization (WIPO) Copyright
Treaty" vom Dezember 1996. Während der DMCA in den Vereinigten Staaten schon einen
schlechten Ruf gewonnen hat, da er möglich machte, Scientologykritische
Seiten zu zensieren<a class="fn" href="#fn">5</a>, macht die deutsche Ausformung der EUCD das Recht auf
angemessene Nutzung unerreichbar. Auch wenn das Gesetz deutlich festlegt, dass
ein Verbraucher das Recht hat, eine CD für seinen eigenen Gebrauch in der
Autostereoanlage oder für einen Freund zu kopieren, laufen die, die dieses
Recht an einer kopiergeschützten CD oder an einer DVD ausüben, Gefahr, sich einer
Bestrafung auszusetzen. Und wenn Sie jetzt glauben, dass das alles ist, dann
empfehlen wir Ihnen, das <a href="http://www.eff.org/files/20031001_tc.pdf">EFF-Papier</a> über das sogenannte "Trusted Computing" (TC) zu lesen.</p>
<p class="indent">Proprietäre Software bringt einen Bereich, der vorher von
demokratisch gewählten Repräsentanten geregelt war, in die Hand von Firmen
und erzeugt damit eine Technokratie.<a class="fn" href="#fn">6</a></p>
<h3>Zusammenfassung</h3>
<p class="indent">Wir haben viel Arbeit investiert, um Menschenrechte,
Gleichberechtigung, Minderheitenrechte, Pressefreiheit, Privatsphäre und
Sicherheit, digitale Solidarität und vieles mehr zu fördern und weiterzuentwickeln.
All das könnte Null und Nichtig werden, wenn das Informationszeitalter auf
proprietärer Software aufbaut. </p>
<p class="indent">Freie Software allein ist sicher nicht genug, um alle Probleme
zu lösen - aber es ist notwendig, um es den Menschen zu ermöglichen, ihre
Rechte auszuüben, um die wir in der Informationsgesellschaft kämpfen.
</p>
<h2 id="fn">Referenzen</h2>
<ol>
<li>Als Referenz aus <a href="http://web.archive.org/web/20021217003716/http://www.opensource.org/advocacy/faq.html">http://web.archive.org/web/20021217003716/http://www.opensource.org/advocacy/faq.html</a>:
<EM>Wie ist "Open Ssource" verbunden mit "Free Software"? Die Open Source
Initiative ist ein
Marketing-Programm für Freie Software. Es ist eine Verkaufshilfe für Freie
Software, eher auf soliden, pragmatischem Grund basiert denn auf
ideologischem Geschwätz. Die erfolgreiche Substanz ist die selbe, aber die
erfolglosen Einstellungen und Symbolismen sind verändert.
</EM></li>
<li>In diesem Programm zahlen
Regierungen und zwischenstaatliche Organisationen beachtliche Gebühren für
einen Einblick in einige Teile des Windows-Quellcodes in speziell von Microsoft
dafür geschaffenen Einrichtungen. Das mag das Sicherheitsgefühl steigern, aber
es ist im großen und ganzen sinnlos, besonders nachdem sie nicht einmal
feststellen können, ob das, was sie sehen konnten auch das ist, was auf ihren
Computern läuft. Und natürlich gibt es ihnen keine Freiheit.</li>
<li>Eine Erläuterung dieses
Mechanismus kann auf Wunsch gerne zur Verfügung gestellt werden.</li>
<li>Randbemerkung: Dies sollte
nicht als eine gute Sache für Leute in den nördlichen Ländern verstanden
werden. Das ist es nicht.</li>
<li><a href="http://www-camlaw.rutgers.edu/publications/law-religion/scientology.htm">http://www-camlaw.rutgers.edu/publications/law-religion/scientology.htm</a></li>
<li>Technokratie: Regierung
durch Techniker oder die Führung der Gesellschaft durch technische Experten
(Merriam Webster Dictionary)</li>
</ol>
<DIV ALIGN="LEFT">
<TT>
<FONT SIZE="-1"> Date: 2004/10/19 15:34:59 Revision: 1.7 </FONT><br/>
<FONT SIZE="-1"> Author: <a href="/about/people/greve/">Georg Greve</a></FONT>
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