diff --git a/news/2009/news-20091127-01.de.xhtml b/news/2009/news-20091127-01.de.xhtml new file mode 100644 index 0000000000..3c2ebc7c5e --- /dev/null +++ b/news/2009/news-20091127-01.de.xhtml @@ -0,0 +1,101 @@ + + + + FSFE: Europäische Kommission gibt unter dem Druck proprietäre Lobbyisten bei Interoperabilität nach + + + +

FSFE: Europäische Kommission gibt unter dem Druck proprietäre Lobbyisten bei Interoperabilität nach

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Freie-Software-Industrie kritisiert Anmerkungen des Vizepräsidenten der Kommission + Siim Kallas

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Die Europäische Kommission hat den Forderungen der Lobbyisten +von Microsoft und SAP Folge geleistet, als sie ein wichtiges Dokument über Interoperabilität +zwischen eGovernment-Diensten überarbeitete. Die Free Software Foundation Europe (FSFE) +untersuchte die Entwicklung einer neuen Version des Europäischen Rahmenprogramms zu Interoperabilität (EIF) +und konnte zeigen, dass die Kommission sich bei ihrer Arbeit auf die Einreichungen der +Business Software Alliance (BSA), einer Lobbygruppe für Hersteller proprietärer Software, stützte +und die Stimmen eines Großteils der europäischen Softwareindustrie ignorierte. Zur gleichen Zeit +deuten Bemerkungen des Vizepräsidenten der Kommission zu Freier Software auf einen besorgniserregenden +Mangel an Interesse innerhalb der Kommission hin.

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Ein Entwurf für eine Revision des Europäischen Rahmenprogramms zu Interoperabilität (EIF) +drang am Anfang des Monats zur Presse durch. +Während die frühere Version des Dokuments die Nutzung Freier Software und Offener Standards +im öffentlichen Sektor stark befürwortete, beinhaltet die neue Version lediglich die +bedeutungslose Floskel eines "Offenheitskontinuums", das absurderweise proprietäre +Spezifikationen mit umfasst.

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Die FSFE zeichnete nach, wie sich Kernpunkte des +revidierten Europäischen Rahmenprogramms zu Interoperabilität über einen gewissen Zeitraum hin veränderten +. Eine Version des Dokuments war Grundlage einer öffentlichen Erhebung im Sommer 2008. Die +Analyse der FSFE zeigt detailliert auf, wie von dieser Basis ausgehend die Ansichten der BSA-Lobbygruppe +den heutigen Entwurf des Textes beeinflussten. Zur gleichen Zeit ignoriert die Europäische Kommission weiterhin +Kommentaren von Firmen, Gruppen und Individuen, die sich für Offene Standards und Freie Software aussprechen.

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"Die Europäische Kommission darf sich nicht zum Werkzeug einer bestimmten Interessengruppe machen lassen. +Der gegenwärtige Entwurf ist genauso inakzeptabel wie die völlige Intransparenz +des Prozesses, die zu diesem Text führte" so Karsten Gerloff, der Präsident der FSFE.

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Auf diesem Hintergrund zeigen kürzliche Bemerkungen von Vizepräsidenten der Europäischen Kommission Siim Kallas, +der für die Verwaltung zuständig ist, ein besorgniserregendes Desinteresse gegenüber +Offenen Standards und Freier Software in Teilen der Kommission. +Auf einer hochrangigen Pressekonferenz +(Flash) am 19. November in Malmö, Schweden, äußerte Kallas, dass Freie Software +ein Problem für die "Kontinuität der Geschäftswelt" darstelle. Er setzte Freie Software mit einem +Wikipedia-Artikel gleich und merkte an: "im Wikipedia-Text sehen Sie in Klammern und Fußnoten, dass Information +geprüft oder bestätigt werden sollte [...], und wenn Sie Open Source benutzen, benötigen Sie Sicherheit +darüber, was passieren wird, wenn Sie auf der gleichen Arbeitsweise aufbauen."

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Die FSFE zeigt sich sehr besorgt über diese Anmerkungen. "Herr Kallas lästert +über einen ganzen Sektor der Europäischen IT Branche", stellt Gerloff fest. +"Entweder arbeitet Herr Kallas aktiv gegen Freie Software und +Offene Standards, oder er kennt sie überhaupt nicht. Beides lässt sich bei einem +Vizepräsidenten der Europäischen Kommission nicht rechtfertigen, wenn er zudem noch +zuständig für die Verwaltung der Kommission ist."

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Elmar Geese, Vorsitzender des Linux-Verbands, einer deutschen Vereinigung von +Freie-Software-Betrieben mit über 80 Mitgliedern, zeigt sich überrascht angesichts +Herrn Kallas' Bemerkungen. "Wir wissen nicht, wer Herrn Kallas dazu rät, solche +Aussagen zu tätigen. Für mich klingt das wie die FUD-Propaganda (Verbreitung von Furcht, +Unsicherheit und Zweifel) vor zehn Jahren. Wir laden Herrn Kallas dazu ein, sich über +die Freie-Software-Industrie zu informieren. Ich bin mir sicher, dass das seine Einstellung +ändern wird."

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Jan Wildeboer von Red Hat EMEA weist Kallas' Bemerkungen zurück. +"Im Vergleich zu vielen proprietären Alternativen zeigt Freie Software, dass +sie nicht nur Geld spart, sondern auch Lösungen auf höchstem technischen Niveau bietet. +Die Nutzung Freier Software in unternehmenskritischen Bereichen auf der ganzen Welt beweist +ihre Qualität."

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Solche Aussagen seitens der Europäischen Kommission spielen den Kritikern der neuen Version des EIF +in die Hände. Die FSFE betont, dass das ursprüngliche EIF gute Dienste als Richtschnur +für den öffentlichen Sektor in Europa gedient hat. Obwohl es nur eine Empfehlung +darstellt, wurde es zu einer bedeutenden Referenz in Europa und darüber hinaus. +Wen es überarbeitet werden muss, sollte das neue Dokument die Interoperabilität +eher durch die Eigenständigkeit Offener Standards verbessern, als proprietäre +Software und Spezifikationen zu begünstigen. Die Kommission +sollte zur früheren Version des Dokuments zurückkehren und von dort erneut beginnen. Dabei +sollte sie sicherstellen, dass diese Mal Kommentare von allen Seiten die gebührende +Aufmerksamkeit zugeteilt wird.

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Wildeboer von Red Hat stimmt in diese Kritik ein: "Es ist gut zu sehen, wie +die EIFv2 nun einer genaueren Prüfung unterzogen wird. Wir brauchen eine starke +Betonung von Interoperabilität, basierend auf Offenen Standards. Die durchgesickerte +Version des Dokuments zeigt, wie ein Mangel an Transparenz dieses Ziel verhindern kann. +Gerade jetzt sollten wir uns einige ernste Fragen stellen. Ich vertraue voll und ganz darauf, +dass die Kommission die Ziele der EIFv1 wieder aufgreifen wird. Offene Standards und +Offene Spezifikationen sind Grundbedingungen für Interoperabilität."

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Der Präsident der FSFE, Karsten Gerloff, fordert: "Wenn ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union +die Glaubwürdigkeit der Europäischen Institutionen bewahren will, sollte er die momentane Fassung +des EIF zurückweisen. Stattdessen sollte er der Kommission dabei helfen, einen besseren Entwurf +zu verfassen, der Offene Standards an erste Stelle und ins Zentrum setzt."

+ +Andreas Aubele + +